Informationen brauchen Ordnung

Ordnen heißt, Kriterien aufzustellen und die Relationen der Elemente zu suchen und für sich zu definieren. Jeder nimmt Ordnung nach seinen ganz eigenen Kriterien wahr. Grundsätzlich gilt allerdings, dass Wahrnehmung auf dem Prinzip des Vergleichs beruht. Die grundsätzlichen Wechselbeziehungen zweier oder mehrerer Elemente sind Gleichheit, Ähnlichkeit und Verschiedenheit (siehe auch unter ›Die Suche nach der Ordnung‹ im Kapitel ›Orientierung‹/ ‹Orientierung gestalten, planen und strukturieren‹). Dadurch, dass man ordnet, bestimmt man gleichzeitig den Grad der Ordnung (extreme Ordnung, relative Ordnung, Chaos).

Es gibt sieben wesentliche Möglichkeiten, Informationen zu ordnen:
Alphabet, Ort, Zeit, Abfolge, Zahlen, Kategorie und Zufall. Es gibt allerdings kein Patentrezept, wann welches Ordnungsprinzip das bessere und welche Kombination der Möglichkeiten zu empfehlen ist. Dies ist bei jeder Produktion individuell abzuwägen. Ziel ist es, mit Informationdesign Klarheit, nicht etwa Einfachheit zu erreichen. Einfachheit bedeutet häufig, Informationen wegzulassen, Klarheit hingegen, alle Informationen zu ermöglichen, sich aber bei der Darbietung auf eine konzentrieren zu können. Dies setzt allerdings eine Gliederung der Informationen voraus, die dem Anwender individuelle Auswahlmöglichkeiten bietet. Ordnen heißt auch, die Ordnungsprinzipien der Anwender zu berücksichtigen. Nach welchen Ordnungsprinzipien gegliedert wird, hängt auch vom gesellschaftlichen Umfeld und vom Benutzerprofil ab. Wenn man Daten sinnvoll zu Informationen gestalten möchte, ist es wichtig zu wissen, an wen sich die Informationen richten, welche Nutzung beabsichtigt ist bzw. was der Anwenderkreis mit dem daraus resultierenden Wissen anfangen möchte (siehe Kapitel ›Zielgruppenanalyse und -ansprache‹). Ordnung lässt sich auch auf Basis von Rangordnung bilden. Gleichwertige Daten lassen sich auf gleicher Höhe nebeneinander ordnen, ungleichwertige Daten müssen bewertet und nach den Prinzipien der Über- und Unterordnung sortiert werden. Eine Ansammlung von gleichwertigen und ungleichwertigen Daten kann nach dem Prinzip der hierarchischen Ordnung (Baumstruktur) strukturiert werden. Eine hierarchische Gliederung bietet gerade bei komplexen Strukturen durch die Aufteilung in Gruppen und Untergruppen die übersichtlichste Darstellung der zur Verfügung stehenden Informationen (siehe ›Flowchart‹ im Kapitel ›Orientierung planen und strukturieren‹). Man sollte aber darum bemüht sein, nicht die Struktur des Systems mit ihrer technologischen Basis, mit der die Informationen dargestellt werden, als Hierarchie abzubilden, sondern mit Hilfe potentieller Anwender eine aufgabenzentrierte Gliederung zu finden. Dies kann unter Umständen dazu führen, dass man je nach Anwendergruppe unterschiedliche Gliederungen anbietet. Im Rahmen von Usability-Tests kann ermittelt werden, welche Gliederungen für welche Zielgruppen die jeweils geeigneten sind (siehe Kapitel ›Usability‹). Im Idealfall wird dem Anwender die Möglichkeit geboten, das Ordnungsprinzip entsprechend seinen Vorstellungen zu formen. Das setzt eine freie Skalierbarkeit der Ordnungsformen, deren Anordnung und Kombinierbarkeit voraus.

Ordnungsformen

Alphabet

Eine alphabetische Ordnung ist ein weit verbreitetes, gelerntes Ordnungskriterium und für viele Verzeichnisse sinnvoll anwendbar, aber nicht uneingeschränkt international übertragbar. Zudem lassen sich nicht alle Daten oder Informationen nach dem ersten Buchstaben ihrer Bezeichnung sortieren. Außerdem muss man dann die Bezeichnung dessen kennen, was man sucht. Was ist, wenn man nur dessen Eigenschaften kennt? Dann würde eine semantische Suchmöglichkeit erforderlich.

Ort

Orte bieten sich immer dann als Ordnungsform an, wenn Daten in geografischen Bezügen zueinander stehen, wie z. B. bei Landkarten oder U-Bahnstreckenplänen. Alle erforderlichen Informationen ließen sich auch tabellarisch darstellen. Sie wären dann aber nicht mehr so schnell zu überblicken und auch die Darstellung der Bezüge (Abstände, Größe, Umgebung etc.) nicht so leicht zu erfassen. Wenn man Informationen ordnen möchte und eine Positionierung als Prinzip erwägt, sollte man aber nicht nur an geografische Orte denken. Informationen, die z. B. über das Thema Fleisch berichten, könnten nach der Positionierung des Fleisches am Tierkörper sortiert sein. Die Informationen in Gebrauchsanweisungen könnten nach der Montageplatzierung der Bauteile am Produkt geordnet sein. So wüsste man zumindest, wo etwas platziert ist, ohne wissen zu müssen, was es überhaupt ist. So schafft Orientierung Ordnung. Für eine Orientierung kann man auf folgende Schemata zurückgreifen: Ortsschema (Zentrum, Reihe, Rand, Raster etc.); Richtungsschema (Diagonale, Senkrecht, Parallel etc.); Abstandsschema (Gruppierung, Streuung, Isolierung etc.).

Zeit

Fahrpläne und Abläufe, wie z. B. Computerspiele oder Kochrezepte lassen sich nach der Zeit ordnen. Die Einheit, in der gemessen wird, ist dabei nicht immer von gleicher Bedeutung. Es kann nach Epochen und Stilen zeitbasiert geordnet werden oder auch eigene Zeiteinheiten themenorientiert angewandt oder selbst erfunden werden. Das Abbrennen einer Kerze in vorgegebener Größe und Gewicht oder das Vergehen von Zeit, bis ein Protagonist von einem definierten Punkt zum nächsten gelaufen ist, wären neben den üblichen Zeitmessungen weitere mögliche Zeiteinteilungsvorgaben. Berücksichtigt man den Faktor Zeit als Ordnungsprinzip, damit ein Resultat nicht nur zu einem einzigen bestimmten Zeitpunkt festgehalten wird, ermöglicht man eine dynamische Ordnungsstruktur, die eine große gestalterische und spielerische Attraktivität beinhaltet.

Reihenfolge

Eine Reihenfolge ordnet nach Bedeutung. Jeder Vergleich ermöglicht eine Reihenfolge, Bedeutung ist dabei relativ (hierarchisch, thematisch, alphabetisch, zeitbasiert etc.). Eine Bedeutungsperspektive nach Größen oder Geschwindigkeit wäre auch denkbar. Mit vorgegebenen Kriterien, die z. B. in einer Legende beschrieben und festgelegt sind, sind alle erdenklichen Bedeutungsreihenfolgen darstellbar.

Zahlen

Eine numerische Ordnung ermöglicht wie auch das Alphabet eine definierbare Reihenfolge. Will man aber eine Reihenfolgensystematik vermeiden, bietet sich z. B. mit der Dewey-Dezimalklassifikation ein Nummernsystem, welches keine Reihenfolge definiert (341.0264469 steht z. B. für ›Völkerrechtliche Verträge Portugals‹). Es findet in vielen Bibliotheken Anwendung. Entwickelt wurde es vom amerikanischen Bibliothekar Melvil Dewey. Es ist ein international anwendbares Ordnungsschema, muss allerdings gelernt werden (z. B. steht in der Kategorie ›Völker‹: Nordamerikaner = 1, Indonesier = 9922; in der Kategorie ›Sprachen‹: Englisch = 2, Russisch = 9171; in der Kategorie ›Orte‹: Wilmington = 7512, Köln = 435514). Neben dem Dezimalsystem gibt es noch das Hexadezimalsystem und viele weitere Zahlensysteme. Außerdem definieren Zahlen auch Bedeutungen wie Menge, Gewicht und Rangordnung.

Kategorien

Mit Hilfe von Kategorien kann die dargestellte Datenbreite oder -tiefe nach verschiedenen Kriterien minimiert werden. Die Kombination von Kriterien ermöglicht dem Anwender über das Definieren von Hierarchien hinaus Ähnliches nach Eigenschaften zu gruppieren. Außerdem ist es dem Autor/ Gestalter einer interaktiven Produktion mit Hilfe von Kategorien möglich, dem Anwender komplexe Auswahl- und Interaktionsformen anzubieten. Kategorien machen dynamische Organisationssysteme möglich, mit denen Schnittmengen und eine quantitative und qualitative Auswahl gebildet, Zielgruppen vordefiniert und Bedeutungsreihenfolgen individuell erstellt werden können. Schnittmengen und Überschneidungen ermöglichen eine differenzierte Suche (z. B. ein HUND bellt, ist laut, schnell, unterstützend, bissig, er riecht, hat Fell, ist Synonym für Freundschaft etc.). Wenn man nach ›Hund‹ sucht, aber nicht weiß, dass das Gesuchte mit ›Hund‹ bezeichnet wird, kann man unter Umständen nach Kriterien suchen, mit denen das Gesuchte in Zusammenhang steht. Mit Hilfe von automatisch am Anwenderprofil ermittelten Kriterien ist es zudem möglich, ein handlungsorientiertes Organisationssystem bevorzugter Inhalte zu ermitteln und anzubieten. Es können also Benutzerprofile erstellt und zur Verfügung gestellt werden (siehe ›Benutzerprofil‹ im Kapitel ›Zielgruppenanalyse und -ansprache‹).

Zufall

Der Zufall liefert neben den bereits direkt angebotenen Daten einen zusätzlichen Wert. Zufällig ermittelte Angebote können unter Umständen geeigneter sein als eine selbst definierte Auswahl, weil der Zufall Überraschungen in sich birgt. Des Weiteren gibt es zahlreiche Spiele, die nur in Kombination mit dem Zufall Sinn machen bzw. Spaß bereiten. Der Zufall ermöglicht Chaos bzw. kann einem die Ordnung von Daten in einem neuen Blickwinkel erscheinen lassen, woraus sich neue, womöglich ungeahnte Informationen ergeben können.

Barrierefreies Informationdesign

Informationdesign macht besonders deutlich, welche Bedeutung visuelle Gestaltung haben kann. Gestaltung ermöglicht nicht nur, dass Daten zu Informationen werden, sondern sie gewährleistet, richtig eingesetzt, auch erst den Zugang zu Information für nahezu alle Zielgruppen (siehe Kapitel ›Zielgruppe‹). Im Idealfall ermöglicht Informationdesign, das Informationen zu Wissen transformiert werden können, unabhängig vom Alter, vom Wissensstand, unabhängig von Erfahrung und der Kompetenz im Umgang mit Informationsmitteln und unabhängig von jeglicher Behinderung. Dazu müssen Informationen bisweilen sehr speziell aufbereitet werden, um ein so genanntes ›Barrierefreies Informationdesign‹ zu ermöglichen (siehe auch ›Gestaltung von Icons‹ im Kapitel ›Orientierung planen und strukturieren‹). Es ist nicht einfach, sich dem Begriff der Barrierefreiheit zu nähern, da hier Aspekte von Ergonomie, Gestaltung, gesetzlicher Vorgaben, sozialer Verantwortung und eventuell auch kommerziellem Kalkül zusammentreffen. Grundsätzlich sollte es selbstverständlich sein, dass Daten so aufbereitet werden, dass sie von jedem im Rahmen individueller Bedürfnisse und Möglichkeiten genutzt werden können. Dieser Anspruch wurde mit dem Bundesgleichstellungsgesetz (BGG) für viele Lebensbereiche geregelt und in der ›Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung‹ (BITV) konkretisiert.

Barrierefreiheit und Zugänglichkeit von Informationen haben eindeutig auch eine soziale Bedeutung. Für eine moderne Informationsgesellschaft muss es selbstverständlich sein, dass sie allen ihren Mitgliedern eine faire Zugangschance bietet. Bereits die Entscheidung für einen bestimmten Datenträger bzw. für ein bestimmtes Übertragungsmedium (Buch, CD-ROM, DVD, Blu-ray Disc, Server, Internet, Fernseher etc.) kann darüber entscheiden, ob der Zugang zu Informationen mehr oder weniger barrierefrei ist. Eine DVD-Video oder vergleichbare Trägermedien bieten z. B. einen guten Kompromiss, da die Nutzung über einen entsprechenden Player und einen damit verbundenen Fernseher sehr einfach zu erlernen ist und die Abspielgeräte im Vergleich zu einem Computer erheblich leichter zu bedienen und auch preiswerter sind. Trotz alledem bleibt einem mit der DVD die Kombination mit allen anderen Medien und Datenträgersystemen offen. DVD-Inhalte lassen sich hervorragend mit Print- und Internetmedien kombinieren und auch technisch verbinden. Welcher Datenträger oder welches Darstellungsmedium Anwendung findet, hängt aber wesentlich von der Informations- und Erzählabsicht oder von der Funktionsabsicht ab, die mit den jeweiligem Produkt beabsichtigt ist. Im Kapitel ›Usability‹ unter ›Barrierefreiheit – eine erweiterte Form der Usability‹ finden Sie detaillierte Informationen zum Thema ›Barrierefreiheit‹.

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