…das totale Design

Mateo Kries verwechselt Design ständig mit Styling. Die von ihm identifizierten Probleme beruhen ausnahmslos auf den Missbrauch des Designbegriffs all jener, die zwar gerne von ihm profitieren möchten, diesen Begriff aber nicht seriös einsetzen, so als würde eine Fastfood-Kette plötzlich ihr Erscheinungsbild von rot in grün färben, weiter endlos viel Müll produzieren und sich dennoch ein ökologisches Antlitz geben können. McDonalds versucht dies ja gerade. Ein ideales Zeichen für Missbrauch gestalterischer Mitteln zur Täuschung des Verbrauchers.

Es trifft zu, dass durch die Gestaltung des Erscheinungsbildes diese Täuschung betrieben wird. Da aber nur die Missstände des Unternehmens verdeckt werden sollen, handelt es sich hier nur um Dekoration. Schlechte Arbeitsbeispiele gibt es in jeder Branche. Außerdem werden die Beteiligten mit guten Honoraren abgefunden. Hier und in manch anderen Beispielen fällt es daher so manchem schwer, den gelernten Grundsätzen des Design treu zu bleiben, nach guter Form, Funktionalität und nach ethischen Grundsätzen zu streben. Nur weil es diese Beispiele gibt, kann man die Absichten des Design nicht als grundsätzlich falsch oder gar als nicht existent abqualifizieren.

Mateo Kries verwechselt jegliche Form von Dekoration mit Design und unterliegt der Annahme, dass alles was den Begriff “Design” in sich trägt, auch tatsächlich Design wäre. Er nennt Plastische Chirurgie, Gentechnik, Nahrungsmittel als “designt”, nennt Worterfindungen wie Drogendesign, Nail Design, Business Design, Green Design, Social Design etc.. Er ist von einer ähnlichen Naivität getrieben wie so manche Designprofessoren, die es toll finden, ihren Studiengang “Gestaltung” zu nennen, und sich für raffiniert halten, nur weil sie das Wort “Design” vermieden haben. Das wäre so, als würde Porsche seine Fahrzeuge nicht mehr Fahrzeuge nennen, nur weil es auch Fahrzeuge gibt, die ein mit Spoilern überklebtes Bastelergebnis ihrer Fahrer ist.

Das Problem ließe sich zumindest stark eingrenzen, wenn nur diejenigen den Begriff “Design” nutzen dürften, die eine entsprechende Hochschulausbildung vorzuweisen haben. Ähnlich wie bei den Juristen. Dann könnten die Designer auch gleich einen Gebührenkatalog einführen, so wie ihn die Juristen haben.

Leider hat der Autor, Mateo Kries, überhaupt keine Kenntnis davon, was Design überhaupt ist. Er ist irgendwie in die Rolle eines Ausstellungsmachers geraten und hat auf diesem Wege wohl eher die Rolle des Existenzialisten gesucht, um sich so zum Jammern institutionalisieren zu können. Ähnlich wie der Autor Frank Schirrmacher (Payback) will auch er die Komplexität unserer Welt nicht hinnehmen, findet sich in ihr nicht zurecht, bildet sich ein, früher sei alles besser gewesen und möchte nun andere für seine fehlende geistige Flexibilität verantwortlich machen. Er verfällt in eine Trivialität, in die auch gerne so manche Journalisten verfallen. Weil einige von Ihnen selber mit der Komplexität der Welt nicht zurecht kommen, versuchen sie Ereignisse auf scheinbar leicht nachvollziehbare Begriffe wie “Generation-@” oder wie Mateo Kries auf “Generation-Design” zu reduzieren. Um so wichtiger ist es, dass ihre Rolle als Gatekeeper hinterfragt wird und die Aufgabe, Informationen sowohl zu kanalisieren, als auch zu differenzieren, durch die Möglichkeiten des Internets mit ergänzenden Mitspielern erweiternd erfüllt wird. Es hat weder die eine noch die andere Generation gegeben. “Generation-Golf” war auch ein ähnlich absurder Versuch. Auch die 68er hat es als Generation nicht wirklich gegeben, wenn man damit tatsächlich große Teile der jeweiligen Generationen meint. Die Akteure lassen sich stets sehr deutlich ausmachen und beinahe persönlich durchzählen. Das Komprimieren auf eine vermeintliche Überschaubarkeit und Verallgemeinerungen helfen nie weiter. Wenn man, um ein Ganzes verstehen oder erklären zu wollen, bereits zu Anfang trivialisiert und verallgemeinert, erhält man stets nur den Blick auf ein kleines Detail und so nicht nur ein falsches Ergebnis, sondern nur einen verkürzten Eindruck und zudem die Fehleinschätzung, alles zu sehen.

Ein Problem ist, dass unser Gehirnmuskel uns dabei unterstützt, nach dem Einfachen zu suchen und zu hoffen, dass es eine einfache Lösung gibt. Das ist ja auch der Grund, weshalb es Bank- und Versicherungsvertreter und andere Heilsversprecher so einfach haben. Mit Diätbüchern (z.B. “Abnehmen im Schlaf”) und den Büchern von Mateo Kries (Total Design) und von Frank Schirrmacher (Payback) verhält es sich genauso.

Dennoch ist es interessant, wie diejenigen die eigentlich nicht zum Trivialen gezählt werden möchten, mit Trivialität Geld zu machen versuchen. Die aktuellen Bücher von Mateo Kries (Total Design) und von Frank Schirrmacher (Payback) sind in der ähnlichen Schublade abzulegen wie “Moppel-Ich” von Susanne Fröhlich und die gesammelten Werke von Dieter Bohlen. Bereits die Buchtitel verraten, dass mit der Behauptung angetreten wird, die Welt sei einfach, man müsse sie nur in dieser Einfachheit sehen. Und die Autoren sind es natürlich nicht, die von sich behaupten, diese Wahrheit verstanden zu haben und vertreten zu können. Wer aber zu den Intellektuellen gezählt werden möchte, sollte allerdings auch entsprechend etwas zu bieten haben. Beide Autoren, insbesondere Mateo Kries, sind aber leider nur Ahnungslose und das Feuilleton dasselbe ahnungslose Vehikel, um beim Verkauf dieser Bücher zu helfen.

Herr Schirrmacher wurde bereits trefflich als frustrierter Halbchecker bezeichnet. Hier gibt es eine sehr passende Beschreibung zu Schirrmacher und ähnlich Heilsversprecher: http://carta.info/20883/payback-frank-schirrmacher

Seine absolute Überforderung, sich über Design und die Designausbildung äußern zu können, zeigt Mateo Kries auch in der Behauptung, es sei sinnvoll, eine neue Designtheorie zu schaffen, durch die Theorie und Praxis getrennt betrachtet würden. Dabei hat dieser absurde Vorgang doch erst zu den Problemen geführt, die er beschreibt. An sehr vielen Designhochschulen lehren Kunsthistoriker Design- und Medientheorie, mit der Folge, dass diejenigen, die bisher nur Kunst, das Sortieren des bereits Vorhandenen und das Bewahren des Bisherigen kannten, nun mit den Innovativen und der ständig sich in Veränderung befindlichen Entwicklungen durch Design hoffnungslos überfordert sind und lieber ihre gelernte naive Sicht des Festhaltens propagieren. Aus Sicht der Kunsthistorie zwar vollkommen korrekt nur eben nicht zu gebrauchen für die Erklärung und Unterstützung Evolutionäre Entwicklungen. An der KISD in Köln und an einigen anderen Designausbildungsstätten gibt es zum Glück auch Ausnahmen. Diese bestätigen aber auch nur die Regel.

Eine sinnvolle Designtheorie basiert auf Soziologie-, Kognitions- und Kommunikationswissenschaften. Im Designkontext sind dabei folgende Bezeichnungen für entsprechende Fachgebiete zu nennen: Zeichensysteme, Semantik, User Experience Design, Soziologie in der Gestaltung, Evaluierung, Usability. Die meisten Kunsthistoriker, selbsternannte Kuratoren und weitere ähnlich veranlagte “Bewahrungshüter” sind mit solchen Themen grundsätzlich überfordert. Schließlich gibt es Gründe, weshalb sie sich Themen suchten, in denen es möglichst wenig Veränderungen gibt und auch keine unvorhergesehenen Überraschungen zu befürchten sind.

Herr Mateo Kries hat aber absolut damit recht, dass das Thema Design auch in den Schulen gelehrt werden muss. Aber dürfen es nicht die Kunsthistoriker oder die Kunstlehrer sein, die man damit beauftragt. Die Kunsthistoriker verstehen Design nicht und die Kunstlehrer wollen es oftmals nicht verstehen. Schließlich sind sie mit der Absicht an die Kunstakademie gegangen, um Künstler zu werden. Die Lehramtsbefähigung wurde nicht selten nur als Auffangnetz gewählt. Falls es nicht mit der Künstlerexistenz funktioniert, bleibt immer noch das sichere Netz der Verbeamtung als Kunstlehrer. Dort darben diese dann vor überfüllten Klassen mit wenig disziplinierten Schülern, träumen davon, ihr Lehrdeputat halbieren zu dürfen, freuen sich schon am Montag auf Freitag und sehnen den Pensionsstatus entgegen. 
In dieser Keimzelle des Selbstbetrugs wachsen dann solche wie Mateo Kries auf.

David Kelley (IDEO; Design Thinking; d.school, University Stanford) nennt im Interview bei futurezone.at indirekt die wesentlichen Fehlinterpretationen innerhalb vieler Designausbildungen:

David Kelley:

  • “Wenn der Begriff Design fällt, … wird immer an Kunst, an Ästhetik gedacht.”

Dabei sollten Designer als beratende Unternehmer verstanden werden, die Abläufe analysieren und in Folge der daraus resultierenden Erkenntnisse Produkte und Dienstleistungen gestalten.

Um dieses Selbstverständnis überhaupt als Professor bzw. Professorin lehren zu können, sind allerdings entsprechende Erfahrungen erforderlich.
Von einer Kompetenz kann man wohl erst dann ausgehen, wenn z.B. mindestens 5 Jahre lang eine möglichst aktuelle berufliche Erfahrung als Designer*in (nicht nur in Gestaltung) vorliegt. Der Erfolg dieser beruflichen Erfahrung sollte dann durch mehrere Designpreise und Auszeichnungen bestätigt und durch eigene Publikationen und Ausstellungsbeteiligungen erweitert sein, damit überhaupt eine Auseinandersetzung dokumentiert ist.

Was sollte sonst eine Eignung für eine Design-Lehre bestätigen?

Liegen diese Kompetenz-Bestätigungen nicht vor, wäre fraglich, worauf eine Berufung sonst beruhen könnte – außer auf ein Mißverständnis oder auf Vetternwirtschaft.

Ein Ranking von Design-Studiengängen ergäbe erst dann Sinn, wenn offengelegt würde, welche nachgewiesenen Kompetenzen bei den Lehrenden überhaupt vorliegen.

Diejenigen, die Design eher nur als Gestaltung oder gar als Kunst lehren, weil sie Design nie praktizierten, haben häufig eine seltsame Abneigung gegenüber Unternehmertum und wirtschaftlichen Zusammenhängen – ohne diese wirklich zu verstehen bzw. ohne sich hochschulkonform wissenschaftlich mit ihnen auseinanderzusetzen und in Folge dessen dazu Erklärungs- und Nutzungsformen für die eigene Lehre zu erarbeiten.

Ohne dem lernen Design-Studierende bestenfalls Gestaltung, werden gar nicht auf ihre beruflichen Herausforderungen vorbereitet, sondern dem gestörten Verhältnis zum Kommerz und zur Designer-Realität durch gering qualifizierte Lehrende ausgeliefert.

Wenn die oben genannten Mindest-Kompetenzen fehlen, oder sich die Kompetenz von Professor*innen gar nur z.B. auf Buchkunst beziehen und nur in eher prekären bis gar nicht vorhandenen Berufserfolgen z.B. in der Gestaltung für Printprodukte (Typografie, Editorial etc.) zum Ausdruck kamen, kann man Brief und Siegel darauf geben, dass solche Berufungen nur durch Manipulation und Vetternwirtschaft möglich wurden.
Es soll Fälle geben, bei denen Personen deswegen begünstigt wurden, gerade weil sie beruflich erfolglos waren. Diejenigen, die über Kompetenz und daher über Erfolg verfügen, haben dann das Nachsehen – zum Schaden aller Studierenden, die gar über Jahrzehnte hinweg die Dritt-Klassigen als Lehrende ertragen müssen und die Folgen oft erst im Berufsleben feststellen.

Man kann halt nur das lehren, was man selber erlebt hat und durch möglichst viele unterschiedliche Instanzen beurteilen und dadurch als geeignet bestätigen ließ (z.B. durch mehrere Designpreise, Publikationen, Panel-Diskussionen, Ausstellungs- und Kongress-Beteiligungen).

Designer sollten sich als beratende Unternehmer verstehen und entsprechend ausgebildet werden. Weg vom naiven Gestalter- bzw. Hobby-Künstler-Status, hin zum analysierenden, strategisch und entwurfsorientierten Berater von Unternehmen, der das zu gestaltende Produkt bzw. die zu gestaltende Dienstleistung erdenkt, plant, visualisiert und umsetzt.

Das Wissen um die Methoden und die Absicht von dem, was mit Service Design Thinking subsummiert wird, bietet alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Designer-Existenz.

David Kelley sei Dank, das Design immer professioneller betrieben und verstanden wird.

https://futurezone.at/digital-life/trial-error-ist-der-bessere-weg/72.157.974